Meine Geschichte

1.Teil / Anhang (c)

Episoden aus der Zeugenzeit

 

Bernd im Jahre 2002

Alle Rechte vorbehalten B. Freytag

(selbstverständlich gibt es auf Nachfrage copyrights)

In neuer Aufmachung / Februar 2003

Inhaltsverzeichnis

Mein erster Kontakt mit den Zeugen  2

Gähnende Langeweile  3

Kongresse  5

      Die Speise  5

      In den Gängen  7

      Die Kleiderordnung  8

Predigtdienst 9

Trinkgelage  10

 

In diesen Anhang habe ich einige Episoden einfließen lassen, die auch noch zu Meiner Geschichte gehören. Sie waren aber nicht Bestandteil der ursprünglichen Fassung.

Ich habe sie erst im Jahre 2002 geschrieben, um meinen Bericht zu komplettieren.

Teile davon sind aber für Insider nicht minder aufschlußreich.

 

Mein erster Kontakt mit den Zeugen

Dieser war schon etwas ungewöhnlich und wundersam, deswegen werde ich ihn kurz skizzieren.

 

Ich war gerade ein 3/4 Jahr vom Elternhaus fortgezogen. Wir bewohnten eine Wohnung in der Stadt. Gerne nutzte ich den nahegelegenen Stadtpark, um mich dort an der frischen Luft aufzuhalten. Zu jener Zeit studierte ich gerade. Meine Lehrbücher las ich, wenn es das Wetter zuließ, in der besseren Jahreszeit am liebsten hier.

 

Sie predigten im Park

Es muß Mai 1973 gewesen sein, als mir auffiel, daß J.Z. sich predigend durch den Park durcharbeiteten. Ich schaute ihnen von meinem Parksessel aus dabei zu.

Obwohl sie jeden anzusprechen schienen, kamen sie nicht zu mir. Schade, dachte ich, mit denen hätte ich mich gerne einmal unterhalten. Bisher wurde mir das verwehrt, weil im Elternhaus immer mein jüngerer Bruder an die Tür geholt wurde, wenn die Zeugen an der Tür standen. Er wußte, wie man ihnen geschickt entgegnen konnte. So ging ein Kontakt an mir vorbei. Gerade dadurch wuchs meine Neugierde, und ich sorgte dafür, daß ich auch am nächsten Samstag im Park an der gleichen Stelle sein konnte.

 

Warum sprachen sie mich nicht an?

Wieder kamen sie. Und wieder wollten sie mich nicht ansprechen. Ich hatte mich schon fast entschlossen, von mir aus ein Gespräch zu beginnen. Ignorierten sie mich absichtlich wegen meiner langen Haare?

Am darauffolgenden Samstag waren die Zeugen nicht im Park, obwohl ich erneut vormittags auf meinem Platz saß.

Nächste Woche (die vierte in Folge) war ich wieder im Stadtpark. Und wieder konnte ich sie beobachten, wie sie mit Aktentasche und strahlend weißem Hemd, Krawatte und Sakko auf die Menschen zugingen und versuchten mit  ihnen ein Gespräch zu beginnen. Nur mich wollten sie immer noch nicht kontaktieren.

Da meine Zeit um war brach ich auf, um den Park zu verlassen. Schließlich wartete meine Frau mit dem Essen auf mich.

 

Ich wollte schon gehen

Und dann, in der Nähe des Ausgangs, sprach mich eine einzelne Dame an. Diese war mir gar nicht aufgefallen. Da ich endlich mit einem Vertreter der Zeugen reden wollte, ignorierte ich, daß meine Zeit knapp war und schlug ihr vor, uns auf eine Steinmauer zu setzen und dort in Ruhe miteinander zu sprechen. Auf diesen Vorschlag ging sie prompt ein. Ein bis zwei Stunden müssen wir uns hier angeregt unterhalten haben. Doch auch ihre Zeit schien längst um zu sein. Sie zeigte mir ihren Schwiegersohn,  der etwas entfernt darauf wartete, daß wir unser Gespräch endlich beendeten. (Sie wollten wohl auch zum Mittagessen). Nun, an diesen jungen Mann verwies sie mich. Mit ihm sollte ich einen Termin vereinbaren, was ich auch prompt tat. Mich beeindruckte sein voller Terminkalender. Er war ein Pionier, was mir damals aber noch nichts sagte.

Später erfuhr ich von den mich betreuenden Zeugen, daß sie vorher niemals im Stadtpark predigen waren. (Das ist übrigens nach der Parkordnung auch verboten.) Und auch danach waren sie nicht mehr im Stadtpark predigen.

 

Nur meinetwegen im Park?

Warum waren sie innerhalb eines Monats dreimal dort missionieren gewesen. Zufall?

Sollten die mich damals im Park aufgabeln?

Hätte das nicht zeitgleich durch den regulären "von Haus-zu-Haus-Dienst" geschehen können?

Die Umstände, die irgendwann zu meiner "Bekehrung" führen sollten, waren schon etwas bizarr. (Hatten da Engel oder so mitgewirkt?)

Dadurch kamen wir nicht mit der Ortsversammlung in Verbindung, sondern mit der Nachbarversammlung.

Nicht einmal der Pionier durfte sich rühmen, mich / uns gefunden zu haben, es war schließlich seine Schwiegermutter. Er hatte dann nur mehr oder weniger prächtig das sogenannte Heimbibelstudium geführt.

 

In der falschen Versammlung

Unsere erste Versammlung konnte sich (trotz der ersten entscheidenden Eindrücke) ebenfalls nicht mit unserer Bekehrung rühmen, denn wir besuchten erstmals eine dritte Versammlung.

(Eine Versammlung betreute uns, und in die andere gehörten wir geographisch.)

Das kam so: Man sagte uns, wo der Königreichssaal sei, und daß wir gerne dort hingehen könnten, um einen Vortrag zu hören. Wir fuhren also einmal vorbei und warfen einen Blick auf die Öffnungszeiten. Die für uns günstigsten suchten wir uns aus. Doch in jenem Königreichssaal hatten, glaube ich, zu dieser Zeit sechs Versammlungen ihren Raum. Es gab dort zwei Säle, die gleichzeitig von verschiedenen Versammlungen genutzt werden konnten.

In dieser Versammlung wurden wir, obwohl uns niemand kannte, freundlich aufgenommen. Gerne hätte ich hier den Verkündiger getroffen, der das sogenannte Heimbibelstudium mit uns begonnen hatte. Ich kann mich noch daran erinnern, daß eifrig Bonbons während des Programms herumgereicht wurden. Das machte auf uns einen ganz guten Eindruck. Da wir uns vorgenommen hatten, für eine Stunde zu bleiben, gingen wir nach dem Vortrag, besorgten uns aber noch einige Bücher. (Die hätte natürlich gerne der Pionier verkauft! Aber das war ein Eigentor, denn er wies ja immer darauf hin, daß sie an den Büchern nichts verdienen würden. Das stimmte aber nicht ganz, denn Pioniere erhielten Literatur damals zu einem ermäßigten Satz.)

 

Als uns das Pionierehepaar zwecks HB wieder besuchten, erwähnten wir beiläufig, daß wir im Königreichssaal waren, sie aber nicht gesehen hatten. (Das war für uns kein Problem, denn muß man immer anwesend sein?)

Auf weitere Details möchte ich nicht mehr eingehen. Die wichtigsten Dinge stehen im Hauptbericht.

 

 

Gähnende Langeweile

Ich kann mich an einen Fall erinnern, der in keiner Weise spektakulär ist. Aber er ist symptomatisch für die verquere Denkweise der J.Z.

 

Wir hatten einen neugetauften Jugendlichen. Er wuchs nicht "in der Wahrheit" auf und hatte auch in seinem persönlichen Umfeld keinen Zeugen.

 

Welche Gründe er hatte sich den Zeugen anzuschließen, weiß ich nicht.

 

Er ließ sich gut im handwerklichen Bereich einsetzen. Er war kräftig gebaut und scheute sich auch nicht seine Hände schmutzig zu machen. Deshalb wurde er für die unterschiedlichsten Freiwilligendienste herumgereicht.

 

Was weniger gut ankam, war seine Konzentration während der Programme. Er war meistens anwesend und opferte seine Zeit für seinen Gehorsam. Nur konnte er dem Gesagten nicht allzuviel abgewinnen. Darum saß er oft weiter hinten in der Nähe anderer Jugendlicher. Zwei Stunden können lang werden, wenn man zum Zuhören verdammt ist, und das Ganze einen nicht sonderlich anspricht.

 

Schiffe versenken

Mir kam zu Ohren, daß dieser Jugendliche mehrfach beobachtet wurde, wie er mit anderen in seiner Nähe "Schiffe versenken" spielte. - Ich für meinen Teil fand das ganz lustig. Aber dieses Benehmen entsprach natürlich nicht der Würde des Anlasses. Es fand schließlich ein Heiliger Gottesdienst zu Ehren unseres Gottes statt. - Dennoch wäre es mir nie eingefallen, in diesem Fall zu intervenieren.

Dann wurde bekannt, daß dieser junge Mann Mitglied im BUND wurde und dort einen Teil seiner Freizeit verbrachte. Sünde, Sünde, Sünde! Er hatte sich einer weltlichen Organisation angeschlossen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Natur, unsere Lebensgrundlage, mit zu erhalten. Und oh Frevel, diese Organisation setzte nicht ihre Hoffnung darauf, daß Jehova in allernächster Zeit die Erde in ein Paradies umwandeln würde. Natürlich würde Gott das machen und nicht ein kleiner Haufen weltlicher Idealisten. Der junge Mann hatte also durch seine Mitarbeit in dieser Umweltgruppe signalisiert, daß er kein Vertrauen in Jehova setzte.

Ob noch mehr vorgefallen war, entzieht sich meiner Kenntnis, ich weiß nur, daß dieser junge Mann ausgeschlossen wurde. Der Gedanke daran, daß die Mitgliedschaft in einer Umweltorganisation, ein Ausschlußgrund sein könnte, widerte mich an. Mir war ganz und gar nicht wohl bei diesem Gedanken.

Ist das nicht eine Schande? Jener, der etwas Gutes tun will und es auch tut, wird ausgeschlossen. Damit will ich nicht sagen, daß die Zeugen nichts Gutes tun wollen. Das wollen sie bestimmt. Nur tun sie es nicht. Durch Gesang und Gebet ist die Erde nicht zu retten. Darin unterscheiden sie sich oftmals von denen, die sie ausschließen.

 

Dicke Luft kontra Sonnenschein

Kommen wir zurück zum Thema gähnende Langeweile. Seid ehrlich (bitte ganz ehrlich): Ist es nicht ätzend, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt mindestens 4 Stunden die Woche immer brav zur Versammlung in den Königreichsaal zu gehen? Draußen scheint die Sonne und lockt zu einem Spaziergang in der Natur. Die Vorhänge sind zugezogen, die Fenster geschlossen, damit die Älteren nicht jammern, daß es zieht und die Luft wird immer dicker. Ihr sehnt Euch schon nach den fünf Minuten Pause zwischen den beiden Hauptprogrammen.

Ihr hört, was Ihr ohnehin wißt, ihr hört, was Euch in aller Regelmäßigkeit neu serviert wird. Vorbild sein, denkt Ihr. Demut zeigen, denkt Ihr. Aber Euer Herz sehnt sich danach, daß endlich Schluß ist und ihr offiziell nach Hause gehen könnt. Eure Gedanken sind schon ganz woanders.

 

Freude wenn der Vortrag ausfiel

So war es bei mir. War es bei Euch anders?  Ich bin sicher, daß es die meisten wie ich empfunden haben. In großen Abständen kam es vor, daß der "Öffentliche Vortrag" ausfiel und auf die Schnelle kein Ersatz beschafft werden konnte. Dann durften wir schon nach einer Stunde gehen. Es ist mir nie aufgefallen, daß es Protest gab (man hatte doch ein Recht auf das ganze Programm). Die Gesichter wurden in aller Regel mit der Bekanntgabe des Programmausfalls recht heiter, die Brüder und Schwestern schienen sich zu freuen.

 

Nieten mit Krawatte

Lieber Leser, ich schreibe hier nicht über die großen Dinge im Leben eines Zeugen. Ich schreibe vom Alltag, der überall ist.

Wie hat man uns "vollgesülzt" mit Berichten von Brüdern in Afrika, die unter Einsatz ihres Lebens einen halben Tag Fußmarsch hatten, um zur Versammlung zu gelangen. Erst spät in der Nacht oder erst am nächsten Tag waren sie wieder in ihrem Wohnbereich. Diese Brüder hatten Wertschätzung für das Zusammenkommen!

Natürlich gab es auch Ausnahmen. In großen Abständen gab es  auch bei uns einen Redner, der einen mitreißen konnte. Das war aber, ich muß es betonen, die Ausnahme. Meist waren es Nieten mit Krawatte, die einem die Zeit stahlen.

Woher sollte das Rednertalent auch kommen? Es waren Menschen, die nicht gewohnt waren Reden zu halten. Die sogenannte "Theokratische Predigtdienstschule" ist eher ein Witz, im Ansatz vielleicht nicht ganz schlecht, aber Wunder konnte man davon nicht erwarten. Erschwerend kommt hinzu, daß man genau über das zu referieren hat, was einem vom Stoff vorgegeben ist. Dadurch wird vermieden, daß von der "reinen Lehre" abgewichen werden kann.

 

Keine Zeit zum Bibellesen

Am schönsten war immer die kurze Zeit vor oder nach den Zusammenkünften, in der man sich mit seinen Freunden (man hatte ja sein ganzes Umfeld fast ausschließlich bei den Zeugen) unterhalten konnte. Aber wozu sollten dann bitte diese gähnend langen Programme gut sein? In dieser Zeit hätte man bestimmt Besseres anfangen können, z. B. in der Bibel lesen. Dazu hatte man in der Regel gar keine Zeit mehr.

Ich weiß noch, daß ich oft während der Programme in der Bibel las. Das fiel nicht auf, da man ohnehin häufig zum Aufschlagen der Bibel ermuntert wurde.

Es fiel natürlich auf, wenn man "Schiffe versenken" spielte. Waren das schlimme unreife Jugendliche? Bestimmt nicht!  Sie haben auf  ihre Weise auf den schrecklich langweiligen Unterricht reagiert und damit den Aufsehern eine Lektion erteilt. Waren sie schlechte Christen, nur weil sie nicht mit allem konform gingen? Ist es nicht besser, daß man auf Mißstände reagiert, als daß man sie deckt!?!

 

Ich sage hier das, was alle wissen, was alle ähnlich empfinden, was aber (fast) alle nicht auszusprechen wagen.

 

Kongresse

Die Speise

Wie hat Euch die Speise auf den Kongressen geschmeckt? Ich meine jetzt nicht die geistige, sondern die buchstäbliche, die Lunchpakete oder die Kantinenmahlzeiten.

 

Ich rede von damals bis zum Jahr 1990. Falls danach etwas geändert wurde, entzieht es sich meiner Kenntnis.

 

Durch die Mahlzeiten wurden teilweise die Kongreßkosten gedeckt. Man erhielt für sein Geld nur einen geringen Gegenwert, nämlich minderwertige Nahrungsmittel. Die Differenz diente der Förderung des Werkes oder so. Deswegen sah die Organisation vor, daß möglichst viele Essenmarken verkauft wurden. Darum sollten diese schon in der Heimatversammlung erworben werden. Dann hatten die Aufseher einen Überblick darüber, wer sich großzügig an den gemeinsamen Mahlzeiten (Teil des Gottesdienstes) beteiligte, und wer nicht. Es wurde gesagt, daß der Verkauf auf den Kongressen zwar in Ausnahmefällen noch möglich sei, doch wolle man dort möglichst wenig Geld im Umlauf haben. (Obwohl der Weg ins Kongreßbüro hier am kürzesten war und das Geld sowieso dorthin kam.)

Durch diese sichere Einnahmequelle konnte man so tun, als wären die Kongresse eintrittsfrei.

Wer mehr geben wollte, für den standen natürlich an jeder Ecke noch überdimensionierte Spendenkästen. Diese wurden selbstverständlich all die Stunden vom Sicherheitsdienst nicht aus dem Auge gelassen. "Freiwilligendienst" hieß das, und kostete die Organisation nichts. Wer etwas sein wollte, von dem wurde Freiwilligendienst ohnehin erwartet.

 

Aber ich will weniger auf den Hintergrund dieser Massenspeisungen eingehen als auf das, was man dort ausgehändigt bekam und kostenfrei von unzähligen "freiwilligen" Helfern in Frühschichten zusammengestellt wurde.

 

Eines heiligen Anlasses nicht würdig!

Ich habe mich nach und nach davon distanziert, mir diesen Fraß zuzumuten. Pro forma habe ich hin und wieder noch eine Essenmarke erstanden, doch in meiner Reifezeit nur noch sogenannte Frühstücksmarken. Das war meist noch irgendwie eßbar.

Uns wurde versichert, daß wir uns darauf verlassen könnten, daß in der Ware garantiert kein Blut sei. Prima. Doch woraus bestand dieses Essen denn sonst noch?

Es gab immer irgendwelche, meist sehr minderwertige, Fleisch- und / oder Wurstspeisen, dazu oft Kartoffelpüree und Dosengemüse. Es sollte ja alles einfach und unkompliziert zubereitet werden können. Auf Kosten der Gäste???

Das waren doch heilige Zusammenkünfte zu Ehren ihres Gottes. Und die gemeinsame Speise galt als ein Teil dieses Gottesdienstes. Die Verantwortlichen sollten sich schämen, ihren Gott sogar durch die buchstäbliche Speise so in Mißkredit gebracht zu haben und immer noch zu bringen!

 

Dank dem Fraße?

Ich hatte in der Tat Schwierigkeiten das obligatorische Tischgebet (dieses war Brauch bzw. wurde erwartet) zu dieser denaturierten minderwertigen Speise zu sprechen. Wofür sollte man da danken? Ich wollte den Geber aller guten Dinge ja nicht beleidigen.

Es wäre besser gewesen, die Besucher zu bitten, sich selbst Lebensmittel für die Pausen mitzubringen. Dann könnte sich jeder das mitnehmen, was er gerne mag und trägt selbst die Verantwortung dafür. Außerdem hätte man den vielen "freiwilligen Helfern" sehr viel Zeit und Mühe erspart. Ich habe mich nie an der Vorbereitung der Essensrationen beteiligt. Dann hätte ich nämlich noch früher aufstehen müssen. Ich hatte ohnehin einen langen Anfahrtsweg, wäre während des Programms noch eher müde geworden und hätte vom eigentlichen Anliegen "Austeilung von geistiger Speise" keinen rechten Nutzen ziehen können. (Das wäre übrigens auch im Sinne von Jesus gewesen, denn er erteilte damals der Martha einen Verweis.)

 

Lukas 10 (Schlachter)

40. Martha aber machte sich viel zu schaffen mit der Bedienung. Und sie trat herzu und sprach: Herr, kümmerst du dich nicht darum, daß mich meine Schwester allein dienen läßt? Sage ihr doch, daß sie mir helfe!

41. Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Martha, Martha, du machst dir Sorge und Unruhe um vieles;

42. eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden!

 

Ich habe also damals das "Gute" erwählt, daß dieses auch nicht gut war, begriff ich erst später.

 

War ich zu sehr Individualist?

In späteren Jahren, als ich längst Ältester war, aß ich grundsätzlich nur noch selbst mitgebrachte Speise, z.B. schönes herzhaftes Schwarzbrot, Mohrrüben, Äpfel, Joghurt usw.

In meinem Auto hatte ich immer einige Klappsessel. Oft setzte ich mich hier neben das Auto in die frische Luft (die Luft in den Kongreßsälen war oft unzumutbar schlecht) und stärkte mich physisch. Ich hatte auch immer Thermoskannen mit richtigem Bohnenkaffee dabei und wurde deshalb sehr beneidet, was man an den Blicken der anderen sehen konnte. Viele hätten es wohl auch gerne getan, trauten sich aber nicht. Das heißt aber nicht, daß ich der einzige war, der so etwas tat, nein andere brachten sich auch ihren Kaffee mit, ihren Kuchen oder ihr Brot.

 

Zu Lasten der Familien

Manche sprachen mich daraufhin an. Ich sagte dann meist, daß mir das Essen nicht gut bekommen würde.

Und außerdem:

Sollten Familien mit Kindern die größte finanzielle Last des Kongresses tragen????? Ich hatte fünf Kinder. Wir waren also sieben Personen, das bedeutete im Jahr ca. 3 x 6 x 7 = 128 Essenmarken, also nach damaligen Preisen  ca. 600 DM .

Ich halte das für extrem ungezogen. So unsozial kann doch eine "wahre" Gottesorganisation nicht sein. Doch es wurde gesagt, man solle dafür lieber auf eine Urlaubsreise verzichten.

 

Soviel zum Thema "Zeugenfraß".

 

In den Gängen

Ich will noch kurz beim Thema Kongress verweilen.

Es fiel mir schon sehr früh auf, daß während des Programmes sehr viele ohne besonderen Grund in den Gängen auf und ab schlenderten. Ich tat es nicht, dafür war ich zu gut erzogen. Wenn dort Mütter ihre Kinder beruhigten, sah ich das ein. Aber es waren längst nicht alles Mütter mit ihren Kleinen.

Es waren die sogenannten "Brüder", denen das Zuhören zu langweilig war.

Habt ihr gelesen, das Programm ist langweilig! In der Praxis habt Ihr selbst, die Ihr noch in ihren Reihen wandeln mögt, das längst unter Beweis gestellt.

Waren das nur pubertäre Jugendliche die wenig Sinn für aufmerksames Zuhören offenbaren? Ganz und gar nicht. Dort waren auch die Ältesten, die Dienstamtgehilfen, jene von Rang und Namen zu sehen. Nicht alle konnten einen Freiwilligendienst ergattern, um so ein "Alibi für Nichtzuhören" zu haben.

In den Gängen spielte sich das eigentliche Leben ab. Dort tauschte man sich aus, hatte sich viel zu erzählen - viele waren ja sehr freundschaftlich miteinander verbunden. Kongresse waren größere Familienfeste, hier konnte man seine lieben Freunde aus der Ferne endlich einmal wiedersehen. Das Programm (der eigentliche Anlaß so eines Kongresses) war für viele eher ein wenig geachtetes Anliegen.

Ich selbst habe mich durch die vielen Stunden von Vorträgen oft nur gequält, immer im Kampf mit der Müdigkeit. Die Luft war schlecht, der Stoff langweilig und schon fielen mir die Augen zu. Wie peinlich. Aber mein Einfluß darauf war sehr begrenzt. Manchmal half es, einen Bonbon zu lutschen, oder einen Schluck Kaffee aus der Thermoskanne zu trinken, aber in aller Regel nur kurzfristig. Wie beneidete ich diejenigen, die sich mit ihren Freunden auf den Gängen oder im Foyer angeregt unterhielten. Sie brauchten bestimmt nicht mit der Müdigkeit zu kämpfen.

 

Die Kleiderordnung

Adrette Kleidung wird von den Zeugen erwartet. Darunter versteht man bei einem Herrn einen Anzug bzw. eine Kombination, dazu eine Krawatte (heidnisch und abergläubischen Ursprungs!) und ein Oberhemd.

Warum solch eine steife Kleidervorschrift? Welchem Klischee will man damit entsprechen? Dem der Banken und der Geschäftswelt, dem anderer Sekten? Fragen - aber keine vernünftigen Antworten darauf.

Unter den Israeliten soll es üblich gewesen sein, sich anders zu kleiden als das Umfeld. Die Israeliten mußten in so vielen Fällen als Vorbild herhalten. Und jetzt in der Kleiderordnung auf einmal nicht mehr?

Und wie war das mit dem Bart? Alle Illustrationen der WTG zeigen unsere Vorbilder von damals fast ausschließlich mit Bart. Russel, der Begründer der Zeugen trug auch einen Bart. Warum ist es heutzutage verpönt, einen Bart oder langes Haar zu tragen?! Aufsteigen kann man in der Hierarchie der Zeugen nur, wenn man ihrem Bild der Kleidervorschriften entspricht. Es mag sein, daß sich inzwischen hier und da einmal eine liberalere Haltung durchgesetzt hat. Im Ausland galten damals schon nicht immer die strengen Vorschriften wie bei den Nachfahren der Preußen. Aber bitte, verkauft das nicht als neues Licht!

 

Kleider machen Leute

Durch sein Verhalten in Sachen Kleidung kann man also Einfluß auf seine Karriere bei den Zeugen nehmen.

 

Nationaler Kongress 1978 in Düsseldorf.

 

Es herrschten Temperaturen um die 30 Grad im Schatten. Schon aus Kostengründen konnten wir es uns nur leisten, vor Ort auf der von den Zeugen dafür angemieteten Wiese, die als  Zeltplatz fungierte, zu übernachten. (Jeder andere kommerzielle Campingplatz wäre incl. funktionierender sanitärer Einrichtungen mit einem deutlichen Mehr an Stellfläche und Komfort wesentlich billiger gewesen!)

Aber wir wollten ja ein bißchen die Gemeinschaft der Brüder aufnehmen. Und hier waren wir mitten unter ihnen, wir lagerten wie zu Moses Zeiten. (nicht ganz!)

Auf einem Campingplatz geht alles etwas legerer zu, besonders bei heißen sommerlichen Temperaturen.

 

In kurzer Hose

Ich zog es vor, die Kleidervorschriften diesmal nicht so genau zu beachten. Mit unseren Kleinkindern war es uns ohnehin nicht möglich, im Stadion zu sitzen. So suchten wir uns einen Platz außerhalb des Stadions. Hier gab es Lautsprecher, die das Programm übertrugen. Wir saßen auf mitgebrachten Klappstühlen. Ein großer Laubbaum spendete uns Schatten, und so war es auszuhalten. Davon habe ich noch Bilder. Oh, ich vergaß, ich saß hier in kurzer Hose.

Das hat meiner Karriere natürlich Steine in den Weg gelegt. Mir war es jedoch wichtiger, etwas vom Programm mitzubekommen, als mich vorschriftsmäßig gekleidet zu quälen.

Muß man nicht verrückt sein, sich naturwidrig in voller Kleidung unsagbarer Hitze auszusetzen, um dadurch eine relative Gottergebenheit zu zeigen?

Die Schwestern hatten es in diesem Punkt deutlich besser als die Brüder. Luftige Sommerkleidung sieht bei Frauen obendrein meist recht nett aus.

 

Predigtdienst

Auch zu diesem Thema habe ich noch einige Anmerkungen zu mir.

Ich war absolut kein Verkäufertyp. Ich erkannte, ob der Wohnungsinhaber wirklich Literatur wollte oder sie nur gefälligkeitshalber entgegennahm (oder um mich möglichst schnell loszuwerden?)

Da in aller Regel überhaupt kein Interesse daran bestand, WT-Literatur zu erwerben, bot ich den Menschen meist nur ein Gespräch oder eine Unterhaltung an.

 

Ohne dicke Büchertasche

Das hatte natürlich Einfluß auf meinen Bericht. Dort wurde vermerkt, daß fast nie Literatur abgegeben wurde und ich zog natürlich meine Konsequenzen daraus. Ich lief nicht mehr wie die anderen mit einer schweren Aktentasche herum, in denen kiloweise Bücher oder Zeitschriften steckten. Ich trug meist eine kleine Umhängetasche, in der fast keine WT-Literatur war. Aber die Bibel hatte ich immer dabei. Und von ihr habe ich immer regen Gebrauch gemacht. Soll das falsch gewesen sein? Wer will mich in dieser Sache anklagen oder mir Versäumnisse unterstellen?

Manchmal war mir sogar die Umhängetasche zu lästig. Dann reichte mir auch eine Bibel im Kleindruck, die ich in der Manteltasche verstecken konnte.

 

Ich gebrauchte die Bibel an fast jeder Tür

So sah man mich also im Predigtdienst. Viele der Zeugen, die mich so sahen, waren verwundert, einige machten komische Bemerkungen. Jene, die mich dann und wann begleitet haben, konnten sehen, wie man nur mit einer Bibel bewaffnet wunderbar predigen konnte. Fast an jeder Tür konnte ich einen Bibeltext vorlesen. Davon konnten andere bestimmt nur träumen. Man trug keinen unnötigen Ballast mit sich herum und fühlte sich frei und ungezwungen.

Ich nahm Anstoß daran, gleich Zeitschriften anzubieten und es dann entweder dabei bewenden zu lassen oder aber das Interesse (oder Nichtinteresse) an Zeitschriften als Signal dafür zu sehen ob es sich lohnt, jemand noch einmal zu besuchen, was leider gängige Praxis war.

 

Der Wachtturm wichtiger als die Bibel?

Diese Zeitschriften, damit sind "Erwachet" und "Wachtturm" gemeint, sollten also über Leben und Tod entscheiden, nicht die Bereitschaft, etwas aus der Bibel zu erfahren. (Ich argumentiere hier so, wie es damals gelehrt wurde, zu denken.) Man suchte doch nach den Schafen. Und nur durch ein HB und die Taufe bei den Zeugen wäre ihnen ein Leben im Paradies sicher gewesen. Und das sollte davon abhängen, ob jemand den Wachtturm kauft? Ich bin nur selten in Begleitung anderer gegangen, weil es war mir einfach zu dumm war. Ich sah das als Zeitverschwendung an. Konnten zwei, die einzeln gingen, nicht an doppelt so vielen Türen klingeln? Ist die Rechnung falsch? Oder hat man mehr Erfolg, wenn man zu zweit geht? Findet ein Wohnungsinhaber es angenehm, gleich zwei Fremden Rede und Antwort stehen zu müssen? Für mich selbst fand ich es sowieso besser, denn es gehört ein gewisses Maß an Disziplin dazu, mit anderen zusammen an einer Haustür vorzusprechen.

 

Lieber ohne Partner

Normalerweise wechselt man sich an den jeweiligen Haustüren ab. Wenn ich gerade zum Zuhören verurteilt war, wäre ich manchmal am liebsten im Boden versunken wegen der peinlichen Argumente des Kollegen. In der Tat ist es manchmal ganz ungeheuerlich, welch dummes Zeug einige Verkündiger zum Besten geben.

Ging ich alleine, ging ich diesem Problem aus dem Weg, und konnte in derselben Zeit viel mehr über meinen Glauben reden.

Außerdem hatte man auch keinen Aufpasser neben sich, man konnte also in gewissen Grenzbereichen wesentlich ehrlicher argumentieren ohne sich deswegen vor anderen rechtfertigen zu müssen.

 

 

Trinkgelage

Ich war gerade vor einigen Monaten zum Ältesten ernannt worden. In größeren Abständen traf sich die Creme de la Creme ganz unter sich, in privatem Rahmen. In unserer Versammlung gab es ca. 8 - 10  Älteste.

Ich durfte zum ersten Mal dabei sein und setzte große Erwartungen in dieses private Treffen. Bestimmt gab es hier die Möglichkeit viel Erbauendes zu erfahren.

Doch ich wurde bitter enttäuscht.

         Da wurden reihenweise billige Witze erzählt, die teilweise wohl witzig waren, mit der Sache aber wenig zu tun hatten.

         Dann gab es eine Menge Geschichten aus dem Krieg zu hören, wohl nicht uninteressant, (es ging um Balkankämpfe ) aber alles alte Kamellen. Ich meine, daß wir inzwischen zu friedlichen Kriegern Gottes geworden sind.

         Und dann wurde getrunken. Nicht etwa Tee, nein, große Mengen Wein, Bier und auch "harte" Getränke. Viel ist den Zeugen ja wirklich nicht an Freizeitvergnügen geblieben. Aber muß man bei solch einem Anlaß Unmengen alkoholischer Getränke zu sich nehmen? Da ich alkoholische Getränke zu dieser Zeit schon fast völlig mied, kam mir dieser Konsum besonders viel vor. Ständige Alkoholkonsumenten sähen das wohl etwas anders. Aber dennoch konnte ich rechnen, nämlich, daß die Autofahrer mehr Promille im Blut hatten, als es der Gesetzgeber damals erlaubte!!! (Damals waren das noch 0,8 Promille)

 

Das waren also die Vorbilder der Herde. Es waren Vorbilder im "Nichtvorbild sein".

Daß die Ältesten von Aussteigern und Ex-Zeugen immer wieder angegriffen werden, ist also nicht verwunderlich.

Aufseher sollten Vorbilder sein, aber sie sind es fast durchweg nicht. Die wenigen, die sich redlich bemühen den göttlichen Normen gerecht zu werden, werden sicherlich später einmal die ersten Kandidaten für den Ausschluß oder Ausstieg sein.

 

Wenn die Zeugen die "Wahre Kirche Christi" leben würden, wäre das sicherlich anders.

Es ist aber nicht so. Die Zeugen sind nur eine von vielen Kirchen, die vorgeben, nach biblischen Gesetzen zu leben, sich aber dennoch an der Welt orientieren.

 

Ein Teil d (spätere Ereignisse) ist auch noch angedacht.

 

Doch bevor Ihr meine Homepage ganz verlaßt, ermuntere ich Euch, werft einen Blick auf die weiteren Seiten die ich auf meiner Homepage publiziert habe.

Hier und dort werdet Ihr bestimmt noch einen geistigen Leckerbissen finden.